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Petra, June 2000
Kopf besiegt BauchCarolin Streck
Kühl, konzentriert, kultiviert: Kristin Scott Thomas zeigte uns in "Der englische Patient" und "Der Pferdeflüsterer", was heißkalte Gefühle bedeuten. petra traf die schöne Britin in ihrer Wahlheimat Paris
Etwas in Kristin Scott Thomas bedeutet Schatten, nicht Sonne. Pötzlich kann dieser berühmte umwölkte Ausdruck über ihr Gesicht huschen und von großen Tragödien erzählen. Ihre Kino-Lieben enden nicht selten im Drama. Und weil wir alle gerne mitleiden, schätzen wir ihre Filme und sind danach um mindestens einen Liter Tränenflüssigkeit leichter. Kristin Scott Thomas schwebt nicht im siebten Himmel, sie verdurstet in finsteren Höhlen ("Der englische Patient", mit Ralph Fiennes), sie vergaloppiert sich in einer melancholischen Affäre ("Der Pferdeflüsterer", mit Robert Redford), sie öffnet als betrogene Ehefrau zögerlich ihr ramponiertes Herz ("Begegnung des Schicksals", mit Harrison Ford). Das petra-Interview mit einer Frau, die eine Legende der Leidenschaft ist: petra: Ralph Fiennes! Robert Redford! Harrison Ford! Sie haben die tollsten Männer geküsst. Darum beneiden Sie viele Frauen. Ist es für Sie ein Segen oder ein Fluch, an der Seite von Mega-Stars gestanden zu haben?Kristin Scott Thomas: Das Problem in Hollywood ist: Wenn man einen Film mit einem Super-Star dreht, dann muss man wissen, dass sich alles nur um ihn dreht. Keiner interessiert sich für dich oder für den Film. In Amerika stellen sie einem nur Fragen wie "Spricht Robert morgens mit Ihnen?" oder "Was isst Harrison mittags?" Das ist langweilig.petra: Klingt desillusionierend...Scott Thomas: So funktioniert nun mal das Filmgeschäft. Man muss sich einfach dran gewöhnen und sich in Bescheidenheit üben. Ich bin mir bewusst, eine ersetzbare Schauspielerin zu sein. In bin Verbrauchs-material. Die männlichen Super-Stars sind Produktionsmaschinen, die viele Millionen Dollar verdienen. Ich komme nur hinzu, mache meine Arbeit, und dann fahre ich wieder nach Hause.petra: Zu Hause, das ist Paris, wo Sie mit Ihrem Mann und ihren beiden Kindern leben. Wir können uns nicht vorstellen, dass Sie in Paris zu dem Heer unauffälliger Schauspieler gehören. Mal ehrlich: Können Sie dort eigentlich noch unbehelligt im Jogging-Anzug Croissants einkaufen gehen?Scott Thomas: Ich vergesse oft, dass ich eine öffentliche Person bin. Zum Glück erinnern mich meine Kinder daran. "So wie du gerade aussiehst, kannst du unmöglich vor die Tür gehen", sagen sie. Dann ziehe ich etwas Ordentliches an und mache mir vorher noch die Haare.petra: Klar, Sie könnten ja auf die Pariser In-Crowd treffen - da will man schon gut aussehen.Scott Thomas: Ich habe keinen blassen Schimmer, wer zur Pariser In-Crowd gehört. Mein gesellschaftliches Leben ist nicht besonders ausgeprägt. Ich habe eine Familie. Was natürlich nicht heißt, dass ich jeden Abend in der Wohnung sitze und die Wände anstarre. Ob Sie's glauben order nicht: Ich habe sogar Freunde. Ein paar wenigstens (lacht). Die gehören aber nicht zur Prominenz.petra: Verblüffend: Gerade ist ein Trupp Handwerker an Ihnen vorbeimarschiert, und die Jungs haben Sie noch nicht einmal wahrgenommen. Wie machen Sie das?Scott Thomas: Das ist eine Frage der Taktik. Wenn man einen Raum betritt, kann man wahlweise einen großen Auftritt hinlegen oder sich in einen Raum schleichen, sich darin verstecken und hinterher wieder rausschleichen. Ich bin deutlich besser darin, mich rein- und rauszuschleichen.petra: Gibt es Situationen, in denen Sie sich von dieser Guerilla-Taktik verabschieden und einen großen Auftritt hinlegen?Scott Thomas: Sicher, zum Beispiel bei großen Events, etwa bei der Oscar-Verleihung. Die müssen Sie sich wie eine Art Karnevals-Veranstaltung vorstellen, und man geht als "Film-Star". Erinnern Sie sich noch daran, als Sie sechs Jahre alt waren und sich als böse Hexe oder Fee verkleidet haben? So ist das.petra: Das hört sich an, als ob Sie viel Spaß hatten, als Sie vor drei Jahren für "Der englische Patient" als beste Darstellerin für den Oscar nominiert waren.Scott Thomas: Die Oscar-Nacht ist wie ein Besuch in Disneyland. Mein Mann und ich haben uns köstlich amüsiert. Ich war glücklich und entspannt, weil es der letzte Abend war, an dem ich "Der englische Patient" repräsentiert habe.petra: Entspannt? Für Sie ging es schließlich um den Oscar!Scott Thomas: Ging es nicht. Laut Umfragen gehörte ich nicht zu den Favoritinnen. Mir war von vornherein klar, dass ich nicht gewinnen würde. Das war ein ganz einfaches Rechenexempel.petra: Sie gelten als sehr diszipliniert und pünktlich. Haben Sie deshalb das Angebot angenommen, für die TAG Heuer-Uhr "alter ego" zu werben?Scott Thomas: Das letzte, wofür ich meinen Namen hergeben würde, ist eine gesichtsstraffende Creme. Eine Uhr ist ein sinnvolles Produkt. Sie strukturiert meine Zeit.petra: Sehen Sie auch Ihren Beruf so analytisch? Sind Sie ein Kopfmensch?Scott Thomas: Stimmt. Ich bin der Denker-Typ. Ich verlasse mich weniger auf meine Intuition. Ich spiele nicht aus dem Bauch heraus. Ich spiele aus dem Fuss heraus. Mein großer Zeh sagt mir, was richtig und was falsch ist.petra: Der hat sich aber schon mal geirrt: Ihr allerster Film war "Unter dem Kirschmond" mit Prince und gilt als glorios misslungen.Scott Thomas: Stimmt. Der Film ist sooo unglaublich schlecht, dass ich ihn mir selbst nicht angucken kann. Aber viele Leute finden ihn hysterisch. Für die ist das ein Kult-Film. |
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